Auf dem Münchner Jakobsweg (7)

Fortsetzung des Münchner Jakobswegs im Oktober 2019

2. Etappe von Geisenried nach Kempten, ca. 25 km

Eben habe ich mich noch über ein herrliches Alpenpanorama gefreut und nun, nur eine knappe Stunde später, stehe ich am Rand des Kemptner Waldes, buchstäblich alleine auf weiter Flur und ratlos. Von meinem Weg zweigt ein anderer ab, aber eine Beschilderung finde ich nicht. Wenn es kein Schild gibt, bleibe ich normalerweise auf dem Weg .

Aus den Aktualisierungen zum Pilgerbuch habe ich mir eine Beschreibung von zwei kritischen Punkten ausgedruckt. Ich zitiere “ (Seite) 126, nach Oberthingau: Hier ist an einem Dreiweg mitten im Kempter Wald kein Schild angebracht. Der falsche Weg verliert sich nach einigen hundert Metern in einem Moos. Hier bräuchte es an folgenden zwei Stellen dringend ein Schild bzw. einen Hinweis im Buch. Die beiden neuralgischen Punkte befinden sich an folgender Stelle: (es folgen GPS Koordinaten)Unklar war mir, wie man sich an den beiden „neuralgischen „Punkten verhalten sollte. Nachdem ich zu Hause meinen ausgedruckten GPS-Track gecheckt habe, meine ich, dass ich zweimal rechts abbiegen muss. An der ersten Stelle bin ich wohl schon vorbei. Dort war der Weg,  wenn auch etwas versteckt, ausgeschildert. Sicher bin ich mir nicht, ob ich mich nun am zweiten Ort befinde. Ich schaue bei Google Maps nach und nach dem GPX Track von outdooractive. Fehlanzeige: kein GPS und kein Telefonnetz !

Durch den Kemptner Wald verläuft der Jakobsweg  18 km lang ohne Orte und ohne Einkehrmöglichkeiten. Im Pilgerführer steht,  dass es im Wald lange, immer gerade Strecken gäbe, die psychische Widerstandskraft erforderten, da man das Gefühl haben könne, nicht vorwärts zu kommen. Auch könne es wochentags recht einsam werden. Tatsächlich bin ich heute, seit ich Oberthingau verlassen habe, noch keinem Menschen begegnet. Nur ein paar Kühe von der nahen Weide schauten mir leise schnaubend und interessiert zu,  wie ich mit dem Buch, der Karte und dem Smartphone hantiere. Daher kann nicht darauf hoffen, dass gleich jemand vorbei kommt, den ich nach dem Weg fragen kann.

Immerhin muss ich heute die längste Etappe bewältigen und will mich auf keinen Fall verlaufen, wie es einigen Pilgern hier wohl schon passiert ist. Das darf einfach nicht geschehen. Ich atme mehrmals tief ein und aus. Die frische Waldluft tut mir gut und beruhigt die Nerven. Der Weg, der gerade aus führt, scheint im Bogen in die Richtung zu gehen, aus der ich gerade gekommen war. Derjenige der nach rechts abzweigt, führt in einiger Entfernung über einen schmalen Bach. Ich sehe einen dünnen blauen Strich auf der Karte.  Es kann sich doch um den richtigen Weg handeln. Nun nehme ich die Abzweigung und was sehe ich, als ich den Bach überquere ? Ein neues Jakobswegzeichen, die sog. Schwabenmuschel, nur ganz schwach zu erkennen (Das Foto habe ich so bearbeitet, dass ihr das Muschelzeichen sehen könnt. So deutlich war es in der Realität nicht zu erkennen.) Kurz danach ist der Jakobsweg wieder deutlich ausgeschildert. Uff, geschafft !

DSC_3904.JPGbe

Um 8:30 Uhr war ich mit Proviant und vollen Wasserflaschen von Geisenried aufgebrochen. Gespannt war ich auf diese lange Tour und auch ein bisschen besorgt. Was sollte ich tun, wenn mich auf der langen Waldstrecke die Kräfte verließen oder ich mich verletzte ?

Nachmittags war Regen angesagt. Als ich aufbrach, war es zwar kalt, aber angenehm zum Laufen und einen (letzten) wunderschönen Alpenblick gab es auch. Bei schönem Sommerwetter war die Sicht auf die Berge nicht so schön gewesen, sondern eher diesig.P1040265Ich passierte zwei Dörfer, Osterberg und Oberthingau, und wollte eigentlich noch einmal einkehren, bevor ich in den Kemptner Wald ging. Aber am frühen Vormittag hatte noch kein Gasthaus geöffnet. In Oberthingau füllte mir eine sehr nette Frau noch meine Wasserflaschen, so dass ich gut ausgestattet weiterziehen konnte. Im Wald legte ich dann eine Brotzeit in einer Schutzhütte ein, die direkt an einer Kuhweide stand. An dem abgelegenen Ort am Waldrand wäre es eigentlich sehr ruhig gewesen. Allerdings läuteten die Kuhglocken fast schon ohrenbetäubend.

Nachdem ich mein oben beschriebenes Orientierungsproblem gelöst hatte, begab ich mich in den „gefürchteten“ Kemptner Wald. Stimmt, es war dort oft ziemlich monoton. Kilometerlange schnurgerade Wege, die durch Nadelholzmonokulturen führten und auch noch stetig anstiegen, herrschten vor. Auch lief man ständig über nicht endenwollende Schotterwege. Aber ich war vorbereitet und fand es nicht so DSC_3907Nachdem ich  fast vier Stunden gewandert war, erreichte ich die Kemptner Waldkapelle. Die letzten hundert Meter legte ich im Laufschritt zurück. Der Regen hatte begonnen, so dass ich mich regelrecht in die Kirche flüchtete. Dort zog ich den Regenschutz über den Rucksack und meine Regenhose an.
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Es regnete nur leicht, als ich weiter zum Dengelstein ging, hörte allerdings während der Wanderung auch nicht mehr auf. Nach der Kapelle musste ich noch etwas aufsteigen, dann war der höchste Punkt mit ca. 950 Meter erreicht.
Der Dengelstein gehört mit einer Höhe von über acht Metern zu den größten noch erhaltenen Findlingen des Kemptner Waldes. Während der Eiszeit wurde er vor etwa 18.000 Jahren durch den Illergletscher bis zu seinem jetzigen Standort transportiert. Es wird vermutet, dass er sowohl als heidnische Kultstätte als auch als Gerichtsstätte diente. So groß und mächtig hatte ich mir den Findling nicht vorgestellt. Auch fand ich den Ort  bei dem trüben Regenwetter geradezu unheimlich.
P1040287
Weiter ging es bei stetig rauschendem Regen bergab Richtung Kempten. Am Bachtelweiher in der Nähe der Stadt  konnte ich endlich einkehren. Nachdem ich mein nasses Zeug im Vorraum deponiert hatte, ließ ich es mir bei Latte Macchiato und Kuchen gut gehen. Köstlich, wie der Kaffee duftete ! Zum Frühstück hatte ich so etwas Gutes nicht bekommen und natürlich auch nicht unterwegs.

Der Weg durch die Kemptner Vorstadt wollte dann doch kein Ende nehmen. Nachdem ich die St. Mang Brücke zur Altstadt überquert hatte, galt es mein Privatquartier zu finden. Ziemlich bald verabschiedete sich Google Maps. Ratlos stand ich am Kemptner Residenzplatz für dessen Schönheit ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen Blick hatte. Nachdem ich meine Vermieterin zweimal angerufen und um eine Wegbeschreibung gebeten hatte, gelang es mir das Haus zu finden, wo ich nach fast neun Stunden Wanderzeit erschöpft eintrudelte.
H. hatte  mir schon ein Whats App geschickt „Lebst du noch ?“, das ich mit  „Ja, so gerade noch…“ beantwortete.

Abends musste ich dann noch einmal hinaus in den Regen, hatte es aber nicht weit zur Altstadt und konnte dort gemütlich essen gehen. Ein bisschen stolz war ich schon, dass ich die lange Strecke geschafft hatte. Die nächste Etappe würde viel kürzer sein, allerdings war wieder Regenwetter angesagt.

Wart Ihr schon im Dauerregen wandern und wie fandet ihr es ?

Über eure Kommentare und Likes freue ich mich immer sehr.

Wollt ihr wissen, wie es mir auf der Wanderung am Vortag erging, dann schaut doch mal hier  Auf dem Münchner Jakobsweg (6)

und so ging es weiter

https://wanderlustig2019.wordpress.com/2019/11/04/auf-dem-muenchner-jakobsweg-8/

 

 

4 Kommentare zu „Auf dem Münchner Jakobsweg (7)

  1. Mach einen neuen Beitrag! Ich finde es sehr spannend, was sich da so in einem abspielt. Vor allem, wenn man allein unterwegs ist und man sich nicht gegenseitig mit blöden Witzen über Wasser halten kann!

    Gefällt 1 Person

  2. Danke für den schönen Beitrag, gut beschrieben!
    Bei Regen zu wandern macht uns normalerweise nichts aus, aber die Mittagspause hätten wir dann doch lieber trocken. Zwei Regentage hintereinander beginnen dann zu nerven, bei drei oder mehr sinkt dann die Moral und wir beginnen, über Busse oder Abbruch nachzudenken. Die Frage ist auch, wie stark es regnet.
    Auf jeden Fall sind wir im Regen viel schneller als bei Sonne! 😁

    Gefällt 2 Personen

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