Auf dem Schweizer Jakobsweg /On the Swiss Camino #6

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Von Einsiedeln nach Brunnen

Mein vorerst letzter Tag auf dem Schweizer Jakobsweg und die Sonne lachte, als hätte sie etwas gutzumachen. Nach dem schlimmen Regenwetter vom Vortag traf das auch durchaus zu.

Um 8:30 Uhr stapfte ich frohgemut los. Allerdings stand mir die Königsetappe mit steilen Auf- und Abstiegen bevor. Vom höchsten Punkt der Schweizer Jakobswege, dem Haggenegg auf 1414 Meter, geht es hinunter nach Schwyz, das auf 404 m liegt. Außerdem würde diese Etappe mehr als 25 km lang sein.

Vor dem langen und steilen Abstieg hatte ich mich gefürchtet, aber wie beim Hörnli hatte ich beschlossen, auf diesem Stück nicht dem Jakobsweg sondern einem Bergsträßchen zu folgen, auch wenn das bedeutete, dass die Strecke sich noch einmal verlängerte.

Ein bisschen beunruhigt war ich aber doch. Mitten in der Nacht war ich mit einem stechenden Schmerz im linken Fuß aufgewacht. Meine Füße waren rundherum vertapt, aber als ich an an der schmerzenden Stelle das Band abzog, entdeckte ich sie. Eine Blase am Zeh und darunter eine offene Wunde ! Dieses Problem kannte ich beim Wandern überhaupt nicht, hatte nicht einmal Blasenpflaster eingepackt. Ich verpackte den Zeh so dick wie möglich und war doch froh, dass mir das erst am Ende meiner Pilgerwanderung passierte.

Sehr gemütlich ging die Wanderung los. Zwei Stunden lang folgte ich dem Flüsschen Alp auf ebener Strecke immer mit Blick auf den Großen und den Kleinen Mythen. Am Kloster Au ging ich vorbei, weil mir noch ein sehr langer Pilgertag bevorstand, aber die Kirche St. Appolonia in Alpthal besuchte ich und stempelte meinen Pilgerpass.

An der Bushaltestelle von Malosen begann der Aufstieg zum Haggenegg. Der breite Schotterweg stieg sehr stark an. Er führte direkt an einem Wasserlauf entlang, der in Stufen gefasst war und senkrecht nach unten fiel. Mehrmals musste ich stehen bleiben, um nach Luft zu schnappen. Dann endete der Weg plötzlich neben dem Bach. Ein Wegschild sah ich nicht. Die sonst so sorgfältige Ausschilderung des Schweizer Jakobswegs fehlte ausgerechnet an dieser Stelle. Normalerweise gehe ich in solchen Situationen zurück und schaue, ob ich ein Schild übersehen habe. Das kam dort überhaupt nicht in Frage. Auf diesem extrem steilen und schotterigen Weg würde ich nicht umkehren. Im Pilgerführer las ich dann zu meiner großen Erleichterung, dass ein Bach zu queren war. Wegen der vorangegangenen Regenfälle stand das Wasser ziemlich hoch, aber über Trittsteine war es kein Problem auf die andere Seite zu kommen, wo der Weg hinter der Böschung weiter führte. Mit zitternden Knien blieb ich stehen, um mich von dem Schock zu erholen.

In diesem Moment überholte mich ein junger Mann mit einem kleinen Rucksack. Erst dachte ich, dass er auf einer Tageswanderung war, aber dann entdeckte ich die Pilgermuschel. Ein Jakobspilger, der Erste den ich in der Schweiz traf! Wir unterhielten uns noch kurz, bevor er weiter stürmte. Ich erfuhr, dass viele Pilger erst von Einsiedeln starten.

Der zweite Aufstieg verlief durch einen Wald und war längst nicht so steil wie der erste. Auch ein, wenn auch ziemlich verblasstes, Wegzeichen entdeckte ich an einem Baum. Danach war der Jakobsweg wieder mustergültig ausgeschildert Als ich aus dem Wald trat, musste ich mich erst einmal ausruhen. Da traf es sich gut, dass sich nun erste wunderbare Ausblicke boten.

Panoramafoto bitte anklicken !

Weiter ging es mäßig ansteigend über Almwiesen. Bei einer Alm musste ich eine große Wiese mit vielen Kühen queren. Ganz wohl war mir nicht, aber ich ging ruhig an den friedlich grasenden Tieren vorbei.

Kurz danach erreichte ich die Alpenkäserei Gummen. Auf einem Schild wurden Getränke angeboten. Ich entschied mich für eine Mangomolke, die ausgezeichnet schmeckte. Der Kaffee den mir der Senn brachte, war mit frischem Rahm zubereitet, schmeckte aber leider etwas dünn. Während ich vor der Molkerei an einem Tisch in der Sonne saß, sah ich wieder die Frau mit dem riesigen Rucksack, die schon eine ganze Zeit hinter mir gewandert war. Ich winkte ihr zu und sie setzte sich zu mir an den Tisch. Sie erzählte mir, dass sie als Schweizerin mit ihren fünf Kindern am Bodensee lebte und gerade in Einsiedeln losgelaufen war. Dann packte die Pilgerin ein (schweres) Glas nach dem anderen aus und begann ihre mitgebrachten veganen Speisen zu essen. Auch ein Zelt hatte sie dabei und wollte in Schwyz auf dem Campingplatz zelten. Die Frau wirkte ziemlich sportlich, aber ich fragte mich, wie weit sie mit diesem monströsen Gepäck kommen würde.

Ich verabschiedete mich und ging weiter. Nach fünf Minuten erreichte ich das Berggasthaus Haggenegg, von dem ich gelesen hatte, dass es Ruhetag hatte. Wenn ich gewusst hätte, dass es geöffnet war, hätte ich meinen Kaffee dort getrunken. Kurz danach erreichte ich die Haggeneggkapelle. Rundherum standen Bänke, auf denen sich schon mehrere Wanderer niedergelassen hatten, um die Traumaussicht auf den Vierwaldstättersee und das Bergpanorama im Vordergrund mit dem Kleinen Mythen zu genießen oder einfach nur in der Sonne zu liegen. Ich suchte mir eine schöne Bank , verspeiste Brot, Birne und würzigen Greyerzer Käse und schaute mir die Landschaft an.

Dann begann der lange Abstieg nach Schwyz. Auf der kaum befahrenen Straße hatte ich zwar kein Problem, aber die 1000 Meter nach unten zogen sich schon gewaltig trotz des durchgehend hinreißenden Ausblicks. Je näher ich dem Tal kam, desto schöner wurde das Wetter. Allerdings wurde es auch ziemlich warm, weil es fast keinen Schatten gab. Unterwegs sah ich ein paar Mal den Jakobsweg, der stark aufgeweicht und sehr steil den Hang hinabfiel. War ich froh, dass ich mich anders entschieden hatte!

Als ich mich Schwyz näherte, sah ich aus der Einmündung des Jakobswegs einen älteren Mann mit Rucksack kommen, den ich später ansprach. Das war nun schon der dritte Pilger, den ich an einem Tag traf. Mein absoluter Rekord seit ich in München meine Pilgerwanderung begonnen hatte! Der Mann berichtete, dass er den Abstieg auf dem Jakobsweg sehr schwierig und rutschig erlebt hatte. Ich dachte an die Frau mit dem riesigen Rucksack und hoffte, dass sie es geschafft hatte. Der Schweizer wollte auf dem Innerschweizer Jakobsweg weitergehen, der von Brunnen nach Flüeli-Ranft und über den Brünigpass führt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Fortsetzung über den Luzerner Weg nach Bern geplant. Inzwischen habe ich mir das anders überlegt.

Langsam aber stetig schleppte ich mich nach Schwyz. Unterwegs sah ich ein imposantes Gebäude. Es handelte sich nicht um ein Kloster, sondern um die „Kantonsschule Kollegium Schwyz“, eine öffentliche Mittelstufenschule. Im Ort holte ich mir schnell den Pilgerstempel in der Kirche St. Martin und suchte dann schnurstracks die nächstliegende Caféterrasse am Hauptplatz auf. Nach einem großen Cappuccino und einem Mineralwasser kehrten meine Lebensgeister wenigstens teilweise zurück.

Die letzten fünf Kilometer nach Brunnen kann ich persönlich nur als Tortur bezeichnen. Erst ging es ziemlich lange durch Schwyz und den nächsten Ort Ibach. Dann folgte ein recht schöner Weg mit Rückblicken auf die Mythen und mehreren Kapellen, von den ich nicht eine einzige besuchte.

Als der Weg dann noch das Tal verlies und leicht anstieg, war ich schon sehr erschöpft. Über lange Treppe mit kleinen Trittstufen ging es wieder hinunter nach Brunnen am Vierwaldstätter See. Eigentlich hatte ich geplant, mit dem Schiff nach Luzern zu fahren. Aber nun stand mir nicht mehr der Sinn nach einer gut zweistündigen Schifffahrt und vom Bahnhof zur Anlegestelle wären es noch einmal 1,5 Km gewesen. Also fuhr ich mit dem Zug nach Luzern. Der erste Halt nach wenigen Minuten war übrigens in Schwyz!

Fazit:
29 km auf der Straße ab Haggenegg (bei Nässe empfehlenswert), auf dem Jakobsweg 24,1 Km, 540 m Auf- und 1010 m Abstieg, , 7,5 Stunden ohne Pausen
Sehr fordernde Jakobswegetappe, wunderschönes Landschaftserlebnis, ein echtes Highlight auf dem Schweizer Jakobsweg, evtl. im Gasthaus Haggenegg übernachten oder nur bis Schwyz gehen.

In Luzern verbrachte ich einen weiteren Tag. Über meinen Aufenthalt in dieser Traumstadt werde ich gesondert berichten (Nach dem Schweizer Jakobsweg: Luzern).

Zum Schluss möchte ich euch noch etwas verraten: es hat mir auf dem Schweizer Jakobsweg so gut gefallen, dass ich ihn fortsetzen werde und zwar in den nächsten Tagen. Nach meiner Rückkehr im August bekam ich leider Schmerzen im linken Knie, die mich schließlich zum Orthopäden führten. Es war nichts Schlimmes, nur eine Überlastung. Ich hätte wohl doch einmal meine orthopädischen Knieschützer anziehen sollen, vor allem bei dem langen Abstieg nach Schwyz! Nachdem ich mich ausgiebig geschont habe, wie vom Orthopäden empfohlen, traue ich mich nun wieder auf den Camino. Starke Gefälle werde ich sehr vorsichtig angehen oder meiden. Auch Ruhepausen bzw. -tage sind eingeplant. Und Blasenpflaster werde ich auch einpacken!

Wenn es nicht mehr geht oder keinen Spaß macht, fahre ich einfach nach Hause. Mal sehen, wie weit ich komme …

Über euer Feedback freue ich mich immer sehr.

8 Kommentare zu „Auf dem Schweizer Jakobsweg /On the Swiss Camino #6

  1. Ein wunderschöner Bericht, Dankeschön.
    Ich hab die Etappe von Einsiedeln nach Brunnen auch einmal in einem Stück gemacht und kann absolut nachvollziehen, wie sehr Du bei der Strecke von Schwyz nach Brunnen gelitten haben musst.
    Das ist ganz schön viel für einen Tag.
    Beim letzten Mal habe ich auf der Hagenegg übernachtet.
    Kann ich jedem empfehlen.
    Buen Camino 🥾🎒

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  2. Danke 😊.Freue mich auf den Camino und hoffe, dass ich möglichst weit gehen kann. Mein Traumziel wäre dieses Mal Fribourg, wird aber wahrscheinlich eher Interlaken 😉.

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  3. Dies war eine sehr intensive Phase, zum Teil aufgrund der erlittenen Verletzung. Deine Fotos sind wieder wunderschön und es war sehr angenehm den Tagesbericht zu lesen. Danke, dass du es mit uns teilst.

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  4. Danke fuer’s Mitnehmen und fuer die wunderbaren Bilder, und alles Gute und viel Spass auf den naechsten Etappen. Auf die Berichte freue ich mich schon.
    Liebe Gruesse,
    Pit

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